Rechtsanwaltsberatung für Glatteisunfälle in der Universitätsstadt Gießen
Ein Sturz auf vereisten Gehwegen zieht oft nicht nur körperliche Schmerzen nach sich, sondern auch erhebliche finanzielle Belastungen: Arztrechnungen, Verdienstausfall, möglicherweise dauerhafte Gesundheitsschäden. Die zentrale Frage für Geschädigte lautet: **Wer trägt die Haftung – und kann ich Schmerzensgeld verlangen?** Unsere Kanzlei in Gießen unterstützt Sie als erfahrener Anwalt für Bank- und Kapitalmarktrecht in solchen Fällen mit fundierter Beratung zu Ihren Rechtsansprüchen.
Die Streupflicht in Gießen: Rechtliche Grundlagen und kommunale Satzung
In der Universitätsstadt Gießen regelt die **Satzung über die Reinigung der Straßen und Plätze** verbindlich, wer bei Schnee und Eis für die Verkehrssicherheit verantwortlich ist. Diese Satzung ist der Maßstab für alle Winterdienstpflichten in Gießen und bildet die Grundlage für Haftungsfragen.
Rechtliche Ausgangslage (Hessisches Straßengesetz)
Gemäß **§ 9 Abs. 2 und § 10 Abs. 4 des Hessischen Straßengesetzes (HStrG)** obliegt die Räum- und Streupflicht grundsätzlich dem **Straßenbaulastträger** – in Gießen typischerweise der Stadt selbst. Allerdings überträgt die Gießener Satzung diese Pflicht auf die **Grundstückseigentümer** (Anlieger), um die Verkehrssicherheit dezentral zu gewährleisten.
**Ausnahme für die Innenstadt:** Grundstückseigentümer im Stadtteil Gießen-Zentrum sind von der Räum- und Streupflicht **befreit** und müssen stattdessen die kostenpflichtigen Dienste der städtischen Straßenreinigung in Anspruch nehmen.
Wer ist Anlieger und somit verpflichtet?
Unter **Anlieger** versteht man den Eigentümer (oder Besitzer) eines Grundstücks, dessen Gehweg oder Wege an öffentliche Straßen oder Plätze grenzen. In Gießen müssen Sie als Eigentümer sicherstellen, dass:
– Der Gehweg vor Ihrem Grundstück **geräumt und begehbar** bleibt
– Bei **Glatteisbildung** abstumpfendes Streumaterial (Sand, Splitt) ausgebracht wird
– Ein **durchgehender Gehweg** von 1,5 m Breite verfügbar ist
Diese Verpflichtung erstreckt sich auch auf **Zugänge zu Hauseingängen** und muss in beiden Richtungen (Breite) gewährleistet sein, wenn die Satzung dies vorsieht.
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Wann besteht die Streupflicht in Gießen?
Zeitliche Grenzen
Gemäß der Reinigungssatzung müssen die Räum- und Streuarbeiten **täglich zwischen 7:00 und 20:00 Uhr** erfolgen:
– **Werktags:** Räumung bis spätestens 7:00 Uhr
– **Sonn- und Feiertags:** Räumung bis spätestens 8:00 oder 9:00 Uhr
– **Beendigung:** Die Pflicht endet um 20:00 Uhr
**Wichtig:** Bei **plötzlicher Eisglätte** (z. B. durch Rauhreif, Eisregen) oder während des Schneefalls besteht die Pflicht, **unverzüglich** zu reagieren – auch außerhalb der normalen Zeiten, wenn dies nach den Witterungsverhältnissen erforderlich ist.
Räumpflicht vs. Streupflicht
– **Räumpflicht:** Entfernung von Schnee in einer Breite von **mindestens 1,5 m**
– **Streupflicht:** Bei Glätte muss eine **Glättegefahr abgewendet** werden durch abstumpfendes Material wie Sand oder Splitt (Streusalz ist auf versiegelten Flächen nur an besonderen Gefahrenstellen zulässig)
Die sogenannte **„Kontrollpflicht“** ist entscheidend: Sie müssen regelmäßig (nach dem Einzelfall) überprüfen, ob neue Glattheit entstanden ist, und rechtzeitig nachstreuen.
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Wer haftet: Anlieger, Mieter oder Kommune?
Der Grundstückseigentümer (Anlieger)
Der **Eigentümer des Grundstücks** trägt die primäre Haftung, wenn er seiner Räum- und Streupflicht nicht nachkommt. Dies gilt unabhängig davon, ob er selbst oder ein Mieter die Arbeiten ausführt.
Haftungsgrundlage:** § 823 Abs. 1 BGB (fahrlässige Verletzung der Verkehrssicherungspflicht)
Der Mieter oder Verwalter
Eigentümer können die Pflicht per Mietvertrag auf Mieter delegieren. **Jedoch:** Der Eigentümer bleibt gegenüber der Allgemeinheit haftbar und trägt eine **Überwachungspflicht**. Nutzer der Wohnung können die Pflicht allerdings nicht vollständig an den Mieter abwälzen – der Eigentümer muss kontrollieren, dass die Arbeiten auch tatsächlich durchgeführt werden.
**Wichtig (BGH-Urteil 2025):** Der Bundesgerichtshof hat klargestellt, dass auch vermietete Wohnungen in Wohnungseigentumsanlagen unter die volle Verkehrssicherungspflicht des Vermieters fallen – eine Haftungsbegrenzung ist unzulässig.
Die Kommune (Stadt Gießen)
Die Stadt Gießen ist für öffentliche Straßen und Plätze zuständig, auf denen der Winterdienst **nicht auf Anlieger übertragen** wurde. Das Amtliches Winterdienstteam ist das **Stadtreinigungs- und Fuhramt**.
Schmerzengeld bei Glatteisunfällen: Wie hoch kann es sein?
Grundsätze der Bemessung
Die Höhe des Schmerzensgeldes richtet sich nach:
1. **Art und Schwere der Verletzung** (z. B. einfache Prellung vs. Knochenbruch)
2. **Dauer der Heilung** und mögliche Folgeschäden
3. **Dauerhafte gesundheitliche Einschränkungen**
4. **Alter und Gesundheitszustand des Geschädigten**
5. **Mitverschulden des Geschädigten** (z. B. unangemessenes Schuhwerk)
Beispiele aus der aktuellen Rechtsprechung
Die folgenden Beträge basieren auf realen Urteilen und geben eine Orientierung:
| Verletzungstyp | Schmerzensgeld |
| Einfache Prellungen und Blutergüsse | 500 – 2.000 Euro |
| Prellungen mit mehrtägiger Behandlung | 2.000 – 4.000 Euro |
| **Handgelenksfraktur** (leicht bis mittel) | 4.500 – 6.000 Euro |
| **Oberschenkelfraktur** (einfach) | 8.000 – 12.000 Euro |
| **Oberschenkelfraktur** (kompliziert) | 12.000 – 20.000 Euro |
| Kopfverletzung mit Folgeschäden | 15.000 – 100.000+ Euro |
| Dauerhafte Gehbehinderung | 25.000 – 80.000 Euro |
Aktuelle Urteile (2024/2025)
**Amtsgericht Wetzlar (2025):** Eine Mieterin, die auf einem vereisten Gemeinschaftsweg stürzte und erhebliche Verletzungen erlitt, erhielt ein **Schmerzensgeld von 12.000 Euro**. Das Gericht betonte, dass die Vermieterin für die fehlende Streupflicht haftbar war, auch wenn der Winterdienst an eine externe Firma übertragen worden war.
**Landgericht Stuttgart (2021):** Bei einem Sturz auf einem nicht ausreichend gestreuten Gehweg wurde **Schmerzensgeld in Höhe von 7.500 Euro** zugesprochen, unter Berücksichtigung einer 20-prozentigen Mitschuld des Geschädigten (unangemessenes Schuhwerk).
**Grundprinzip (BGH):** Wurde die Streupflicht verletzt und ein Unfall war die Folge, muss der Pflichtige für den Schaden einstehen – es sei denn, der Geschädigte trägt ein **überwiegendes Mitverschulden**.
Nachweis der Pflichtverletzung: Das Anscheins- und Kausalitätsbeweis
Wer muss was beweisen?
Das deutsche Haftungsrecht regelt hier eine wichtige **Erleichterung für den Geschädigten:**
1. **Liegt eine Verletzung der Streupflicht vor** (z. B. Gehweg war nicht gestreut oder war noch glatt, obwohl Stunden vergangen sind), gilt ein **Anscheinsbeweis** für die Kausalität: Der Sturz war **wahrscheinlich** wegen der Glätte verursacht.
2. Der **Pflichtige muss dann widerlegen**, dass seine Pflichtverletzung nicht ursächlich war – ein hohes Beweismaß.
Beweissicherung nach einem Unfall
Um Ihre Ansprüche durchzusetzen, sollten Sie **sofort nach dem Sturz**:
– **Fotos der Unfallstelle** machen (Witterung, Gehwegzustand, Glätte)
– **Uhrzeit und Witterungsverhältnisse** dokumentieren
– **Zeugenaussagen** sichern (Namen und Kontakts)
– **Ärztliche Versorgung** in Anspruch nehmen und alle Befunde aufbewahren
– **Schmerztagebuch** führen über Verlauf der Heilung
**Faustregel des BGH:** Wenn zwischen Glatteisbildung und Sturz weniger als **1,5 Stunden** vergangen sind und nicht gestreut wurde, liegt eine Pflichtverletzung vor.
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Mitverschulden: Wann wird das Schmerzengeld gekürzt?
Beispiel aus der Praxis
Das Landgericht Lübeck urteilte in einem Fall, dass eine Fußgängerin, die auf Herbstlaub (und vermuteter Glätte darunter) ausrutschte, ein **hälftiges Mitverschulden** trug, weil sie bei herbstlichen Verhältnissen mit Glätte rechnen musste. Das Schmerzensgeld wurde von 4.000 Euro auf 2.000 Euro (50 % Reduktion) gekürzt.
Maßstab für Mitverschulden
Sie können sich **nicht** als vollständig unschuldig darstellen, wenn Sie:
– **Unangemessenes Schuhwerk** (z. B. glatte Sohlen, hochhackige Schuhe) trugen
– **Rücksichtslos schnell** über den Gehweg gingen
– **Offensichtliche Glätte** ignorierten und keine besonderen Vorsichtsmaßnahmen trafen
Sie tragen **kein Mitverschulden**, wenn:
– Der Gehweg ordnungsgemäß geräumt und gestreut war
– Sie in angemessenem Tempo gingen
– Die Glätte nicht erkennbar war (z. B. unter Schnee oder bei schlechtem Licht)
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Verjährung und Zeitdauer: Was Sie beachten müssen
Verjährungsfrist
Schadensersatzansprüche wegen Verletzung der Streupflicht **verjähren nach drei Jahren**, beginnend mit dem Ende des Jahres, in dem der Unfall geschah.
**Beispiel:** Ein Unfall am 15. Januar 2026 verjährt am 31. Dezember 2028.
**Wichtig:** Handeln Sie **zeitnah**! Beweise (Fotos, Zeugenaussagen) verlieren an Wert mit der Zeit, und Versicherungen können schneller regulieren, wenn der Fall noch aktuell ist.
Verfahrensdauer
– **Außergerichtliche Einigung:** 3–6 Monate (wenn Versicherung kooperativ ist)
– **Gerichtsverfahren:** 12–24 Monate (je nach Komplexität und Instanzen)
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## Besonderheiten für Gießen: Lokale Regelungen und Winterdienstbezirke
Die Stadt Gießen hat ihre Winterdienstverantwortung in mehrere **Winterdienstbezirke** aufgeteilt. Die **zentrale Ansprechstelle** ist das **Stadtreinigungs- und Fuhramt der Universitätsstadt Gießen**.
Für Anlieger in Gießen relevant:
1. **Prüfen Sie Ihre Satzungsverpflichtung:** Falls Sie Grundstückseigentümer sind, erkundigen Sie sich, ob Ihr Grundstück zur Räum- und Streupflicht verpflichtet ist oder ob die Stadt (gegen Gebühr) zuständig ist.
2. **Dokumentation:** Halten Sie Aufzeichnungen über durchgeführte Räum- und Streudienste fest.
3. **Haftpflichtversicherung:** Eine **Privathaftpflichtversicherung** ist dringend empfohlen und deckt vielfach Schäden ab, die durch Vernachlässigung der Streupflicht entstehen.
Ihre Anwaltliche Beratung in Gießen
Als **Rechtsanwalt mit Kanzlei in Gießen** verfügen wir über fundierte Erfahrung in Haftungsfragen und Schadensersatzansprüchen. Unsere Beratung hilft Ihnen:
✓ **Bei der Geltendmachung von Schadensersatzansprüchen** nach Glatteisunfällen
✓ **Bei der Verteidigung gegen Haftungsvorwürfe**, falls Sie Grundstückseigentümer sind
✓ **Bei der Beweissicherung und Dokumentation** von Unfallfolgen
✓ **Bei Verhandlungen mit Versicherungen** und vor Gericht
✓ **Bei der Analyse der lokalen Satzung** für Ihren speziellen Fall
Kontakt und erste Beratung
Haben Sie einen Glatteisunfall erlitten oder müssen sich gegen einen Haftungsvorwurf verteidigen? Vereinbaren Sie einen **Beratungstermin in unserer Kanzlei in Gießen**. In einem unverbindlichen Gespräch analysieren wir Ihren Fall, erläutern Ihre Rechte und entwickeln eine Strategie für das weitere Vorgehen.
Fazit
Glatteisunfälle sind schwerwiegend – rechtlich und persönlich. Die **Universitätsstadt Gießen** regelt die Streupflicht durch eine detaillierte Satzung, die klar definiert, wer wann und wie die Verkehrssicherheit gewährleisten muss. Ist diese Pflicht verletzt, können Sie **Schmerzensgeld und Schadensersatz** verlangen – im Einzelfall auch fünfstellige Summen.
Der Nachweis ist in vielen Fällen nicht schwierig, wenn Sie die Unfallstelle rechtzeitig dokumentieren und rechtliche Unterstützung erhalten. **Zögern Sie nicht: Jeder Tag, der verstreicht, schwächt Ihre Position.**
Wir stehe Ihnen als **erfahrene Anwälte in Gießen** zur Verfügung, um Ihre Rechte durchzusetzen oder Sie vor Haftung zu schützen.
